MUT PROBEN Denken 1-10

Seitdem bin ich nicht mehr so schüchtern

Ich bin ein schüchternes Mädchen und stehe auf dem Schulhof. Es ist gerade Pause. Ich stehe allein auf dem Schulhof, denn ich habe keine Lust mit den anderen Ticken zu spielen. Plötzlich sehe ich, wie ein paar Jungs aus den höheren Klassen ein anderes Mädchen beleidigen. Ich sehe mir das eine Weile an. Dann fängt das Mädchen an zu weinen. Ich nehme all meinen Mut zusammen und stelle mich zwischen die Jungs und das Mädchen. Ich sage: „Warum beschimpft ihr das Mädchen? Was hat es euch getan? Meinetwegen könnt ihr mich beschimpfen, aber nicht das Mädchen. Seht ihr nicht, dass sie angefangen hat zu weinen?" Dann wurde es still. Ich dachte nur: „Was hab' ich getan und was kommt jetzt? Hoffentlich werde ich jetzt nicht verprügelt!" Aber plötzlich, wie ein Wunder, gingen die Jungs weg. Das Mädchen bedankte sich bei mir und ging.

Seitdem bin ich nicht mehr so schüchtern.

von Ann-Kristin H.

 

Wir sollten diejenigen sein, die gehen!

Steven war damals 16 Jahre alt und hat großen Mut bewiesen in einem Land, in dem man nach seiner Hautfarbe beurteilt wird. Südafrika in den 80er Jahren, Schwarze hatte quasi keine Rechte. Steven ist weiß und hat damit in diesem Land das große Los gezogen. Doch trotzdem fragte er sich sein ganzes Leben, wieso die Schwarzen so schlecht behandelt wurden.

Eines Tages ging Steven wie jeden Tag zur Schule und sah, dass fünf Jugendliche einen farbigen Jungen anpöbelten. Steven ging dazwischen und sagte:" Hey, lasst den armen Jungen in Ruh'!" Darauf sagte einer der andern Jungs:" Wir lassen ihn in Ruhe, wenn er und seine schwarzen Freunde unser Land verlassen!"

Dieser Satz machte Steven sehr wütend und er schrie:" Das ist sein Land! Wir sollten diejenigen sein, die gehen!" Die anderen Jungs sahen sich an und gingen. Seitdem sind Steven und ich beste Freunde, denn ich bin der schwarze Junge von damals.

Von Franziska Zoske

 

Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst …. Was ist eigentlich Liebe?

 Montag. Der Wecker dudelt vor sich hin und holt mich ziemlich unsanft aus meinen unruhigen Träumen. Ich versuche die Augen aufzuschlagen und stelle fest, wie schwer es mir doch fällt wach zu werden. Eigentlich müsste ich gut erholt aus dem Bett springen, Schlaf hatte ich jedenfalls mehr als genug. Ein ruhiges Wochenende liegt hinter mir. Mühsam quäle ich mich nun aus dem Bett um den Tag zu beginnen. Schon all die Verpflichtungen in meinem Kopf, die mich heute erwarten. Gedanklich sehe ich mich schon wieder von einem Termin zum nächsten hetzen. Ich gehe ins Badezimmer und schaue in den Spiegel um zu prüfen ob mein Aussehen meinem Gefühl entspricht. Der Mensch der mich anblickt ist mir völlig fremd. Mein Verstand besteht darauf, dass ich es bin, mein Herz jedoch hadert. Da fehlt etwas was mich zu dem macht der ich wirklich bin. Aber wer bin ich wirklich? Ich schaue genauer, schaue mir selbst direkt in die Augen. Ängstlich und müde blicke ich. Müde von all der Last, ängstlich dem Hamsterkäfig nicht entrinnen zu können. Plötzlich kommt mir das Wort Liebe in den Sinn und ich frage mich, liebe ich mich selbst so wie ich es wirklich verdient habe? Bringe ich mir selbst den Respekt und die Anerkennung entgegen die ich brauche? Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst ....Was ist eigentlich Liebe? Nur ein Wort? Wie oft gebrauchen wir dieses Wort ohne ihm die entsprechende Würde zu verleihen, ohne es wirklich im Herzen zu fühlen? Noch einmal blicke ich mir tief in die Augen und da kann ich ihn plötzlich fühlen. Den Schmerz, den tiefen Schmerz der so gut verborgen in meinem Inneren ruht. Aber jetzt wo ich ihn fühle, weiß ich dass er nicht mehr vergraben werden kann. Da wird mir kalt und die Tränen steigen mir in die Augen. Was ist es was uns dazu treibt so schlecht mit uns selbst umzugehen? Was bewegt uns sich von uns selbst zu trennen, Dinge zu tun die wir eigentlich gar nicht wollen? Wie sollten wir andere respektieren können, wenn wir nicht einmal uns selbst ein guter Freund sind? Und da wird mir klar, der Schlüssel zu einem glücklichen, erfüllten Leben liegt nicht im Besitz, in Äußerlichkeiten, er liegt tief im Inneren. Und da spüre ich die Liebe in meinem Herzen. Die Liebe zu mir selbst, die die Verbindung zu allem Leben bedeutet. Sie kommt so kraftvoll, dass es mich fast umhaut. Welch ein Moment. Ich fühle und der Schmerz löst sich langsam auf und wandelt sich in eine warme Welle. Eine Welle, die alles Unnötige wegträgt was mich bisher begleitet und mir soviel Last bereitet hat. Freude, schießt es mir in den Sinn. Dies ist der Moment der reinen Freude. Ein drittes Mal sehe ich mir tief in die Augen. Ich kann die Wandlung kaum fassen. Da strahlt mich mein Inneres an und gibt mir zu verstehen, dies ist der richtige Weg. Ich setze mich auf den Badewannenrand und kann dieses Wunder, das Glück kaum fassen. Leben, das ist das Jetzt. Pure Freude. Ich beginne mit meiner Morgentoilette und ganz bewusst reinige und pflege ich mich. So leicht, so angenehm befreit fühle ich mich nun und ich weiß, jetzt beginnt mein eigentliches Leben. Ich pfeife ein Lied und weiß, es wird nicht ganz einfach, aber alles ist auf einen guten Weg gebracht und ich bleibe für immer bei mir selbst.

Von Stephanie Sperber

 

Gegen die eigenen Freunde

Es ist jetzt über zwei Jahre her. Damals war ich mit meiner Clique in einem Einkaufszentrum, als uns bei „Budnikowski" ein gleichaltriges, aber etwas heruntergekommenes Mädchen aus Versehen anrempelte. Sie sagte zwar schüchtern, aber höflich: „Oh... Entschuldigung...", doch meine Freunde gingen gar nicht darauf ein und begannen, sie wegen ihrer etwas billigeren Kleidung zu beleidigen. Ich versuchte, nicht hinzuhören und meine Schuldgefühle sowie mein schlechtes Gewissen zu verdrängen, doch irgendwann hielt ich es nicht mehr aus. Obwohl mir mein Verstand sagte, ich solle mich lieber heraushalten und ich vertriebe ja doch nur meine Freunde, griff ich ins Geschehen ein. Ich rief wütend: „ Hört endlich auf! Ihr habt doch keinen Grund, sie fertigzumachen. Sie hat euch doch gar nichts getan." Und wo ich schon dabei war, fügte ich dazu: „Immer achtet ihr nur auf dumme Äußerlichkeiten. Ich habe keine Lust mehr auf euch."

Damit hatte ich meine Freunde entgültig vertrieben und einen Moment bereute ich schon fast meinen Einsatz, doch dann sah ich in das glückliche Gesicht des Mädchens und war stolz darauf, mich auf die in diesem Fall schwächere, aber richtige Seite geschlagen zu haben.

von Jennifer K.

 

Na, willst du auch verprügelt werden?

Ich stand auf dem Schulhof, es war mein erster Tag in der neuen Schule. Ich war aufgeregt und murmelte vor mich hin: „Was ist, wenn sie mich nicht mögen? Was ist, wenn mir etwas Peinliches passiert?" Meine Mutter, die mich am ersten Tag unterstützte, behauptete: „Es wird schon nicht so schlimm sein, ich habe mit deiner neuen Schulleiterin gesprochen, sie erschien mir sehr nett."

Plötzlich klingelte es. Meine Mutter rief nur noch von Weitem hinterher: „Viel Glück!" Ich ging in die Schule hinein. Sie war groß, ich dachte schon: „Na toll, das wird dann ja noch peinlicher, wenn du dich auch noch verläufst." Da gingen auf einmal zwei Mädchen an mir vorbei, ich hörte nur, wie sie miteinander redeten: „Kennst du schon die Neue, die heute in unsere Klasse kommt?" Ich wusste Bescheid und ging den Mädchen hinterher!

Als sie in der Klasse ankamen, stand ein Lehrer vor der Tür und grummelte: „Du bist die Neue, oder?" Ich stimmte zu: "Ja, die bin ich!" "Komm mit, ich werde dir jetzt deine neuen Klassenkameraden vorstellen." Er ging in die Klasse und fing an zu reden: „Darf ich euch eure neue Mitschülerin vorstellen! Das ist Sofie Schmitz." Er drehte sich um und wies mir einen Platz in der letzten Reihe zu. Ich setze mich. An dem Tisch saß schon ein Mädchen, sie sah sehr nett aus. Der Schultag ging nur schleppend voran. Meine Tischnachbarin Laura und ich verstanden uns gut und spielten jede Pause zusammen. Endlich klingelte es und die Schule war vorbei.

Als ich schließlich all meine Schulsachen zusammen gepackt hatte, ging ich hinaus auf den Schulhof, um mein Fahrrad von den Fahrradständern zu holen. Da sah ich, wie eine Gruppe von älteren Mädchen meine Freundin Laura hin und her schubsten. Ich hatte Angst hin zu gehen, aber als Laura mich plötzlich sah, konnte ich auch nicht mehr verschwinden. Also musste ich schüchternes Mädchen zu den Großen hingehen und meiner Freundin helfen. Ich packte all meinen Mut (von dem ich im Moment fast nichts besaß) zusammen und lief zu der streitenden Gruppe hinüber. Die Mädchen begrüßten mich nicht so nett: „Na, willst du auch verprügelt werden?" „Was hat sie euch getan?" Die Mädchen sagten: „Du bist neu hier, oder? Ok, dann klären wir dich mal auf. Sie hat uns bei den Lehrern verpetzt. Genaueres geht dich gar nichts an. Und jetzt muss sie büßen." Ich knurrte: „Lasst sie in Ruhe, ich kann euch nämlich auch verpetzen und das wäre für euch bestimmt nicht so gut!" Ich wollte das gar nicht sagen, es rutschte einfach so heraus. Aber die Mädchen begriffen und gingen weg. Ich konnte es nicht fassen.

Laura war überglücklich und bedankte sich tausendmal bei mir. Wir gingen ein Stück Weg zusammen und ich nahm mir vor, in Zukunft immer so mutig zu sein.

von Jamie K. 

 

Dann packte sie ihre Sachen und ging. Sie wusste, es würde ein weiter Weg werden

Ein Wort hatte das andere ergeben. So war es immer gewesen. Es eskalierte schnell, dann knallten Türen, es wurde geschlagen, getreten. Die ohnmächtige Wut war so groß.

So kannte sie es schon von klein auf.

Dann tat es allen leid, man versöhnte sich, es gab Blumen und eine Überraschung. Alles sollte wieder gut sein. Und immer war da die Hoffnung, dass es halten würde, das Versprechen „Nie wieder!".

Als sie selbst Kinder hatte, war sie in eine ähnliche Geschichte gerutscht. Sie liebte ihn, aber er schlug zu, wenn er trank, wenn er sich schlecht fühlte, wenn er wütend wurde, wenn er nicht weiter wusste. Oft.

Sie sah ihre Kinder, beide machten nachts ins Bett, weinten oft, waren ängstlich hatten Alpträume. Sie schlug die Kinder ein paar Mal. Sie sah sich im Spiegel an.

Sie erinnerte sich an all ihre Hoffnungen und Träume, die enttäuscht wurden. Dann packte sie ihre Sachen und ging. Sie suchte sich Hilfe. Sie wusste, es würde ein weiter Weg werden. Aber es konnte nicht nur an ihr liegen, dass sie nichts anderes gelernt hatte. Sie wollte leben, anders. Nie wieder so wie vorher. Friedlich, ohne Gewalt, dass war doch nicht zuviel. Das war sie ihren Kindern schuldig. Auch wenn sie nicht wusste, wie es gehen könnte.

von Fanny Dethloff

 

 

 

Jetzt als Erwachsene sahen sie, zu welcher Grausamkeit sie alle fähig gewesen waren

Er war immer anders gewesen. Sie hatten es gewusst. Die Mädchen fanden ihn toll, doch irgendwas stimmte nicht mit ihm. Er ging mit keiner. Sie machten sich einen Sport daraus, ihm aufzulauern. Sie zogen ihn an sich. Später verprügelten sie ihn nach der Schule, aus Wut, die sie sich nicht erklären konnten. Einfach weil er anders war.

Die Lehrer redeten manchmal, wenn er etwas sagte, auf die Klasse ein. Doch er sagte bald nichts mehr. Er ging oft nicht zur Schule, meldete sich krank. Dass er schwul war, wusste er schon früh. Er hatte niemanden, mit dem er darüber reden konnte. All die Schimpfworte trafen ihn. Er versuchte viermal, sich das Leben zu nehmen.

In der Schule redeten sie darüber nicht.

Erst viel später, als sie Klassentreffen machten und er fehlte, hatte eine sich die Mühe gemacht, sich nach ihm zu erkundigen. Er war ein Fall für die Psychiatrie. Jetzt als Erwachsene sahen sie, zu welcher Grausamkeit sie alle fähig gewesen waren. Sie dachten an ihre eigenen Kinder. Und fingen an zu reden, wie es dazu kommen konnte.

Sie schrieben ihm einen Brief.

von Fanny Dethloff

 

 

 

Sie sah ihm direkt in die Augen. Nur einen Augenblick

Sie trafen sich am Spielplatz zum Reden, Rauchen, Musik machen.

Es war immer so, dass die anderen auch kamen. Ein Wort wechselte das andere. Eigentlich prügelten sie sich oft. Manchmal heftiger, manchmal weniger. Dieses Mal war es besonders schlimm.

Plötzlich sah er das kleine Mädchen an der Schaukel stehen. Sie hatte ihre Puppe eng umschlungen, sie hatte Angst und weinte.

Sie sah ihm direkt in die Augen. Nur einen Augenblick.

Er schämte sich.

Das hier musste ein Ende haben.

 

Keiner wusste mehr, warum sie sich eigentlich immer im Park trafen, um sich zu prügeln.

Sie hörten andere Musik, zogen andere Klamotten an. Aber eigentlich steckten sie alle in der gleichen Situation: Schule war ätzend, Aussicht auf Job oder Ausbildung hatte kaum jemand, Stress zu Hause hatten alle.

Die Kämpfe wurden immer gewalttätiger. Sie traten und prügelten.

Woher er plötzlich die Eisenstange hatte, wusste er nicht. Er hielt sie in der Hand, fühlte sich stark. Er war so wütend.

Ein älterer Mann trat zwischen sie. Ganz ruhig. Sie brüllten ihn an zu verschwinden, abzuhauen, aus dem Weg zu gehen.

Doch er blieb ruhig stehen und sagte nur: „Wo soll das enden?"

 

Zusammen in der U-Bahn fühlten sie sich gut. Sie waren laut, hörten Musik. Sie machten andere Leute an, zogen Witze. Schubsten auch schon mal jemanden. Alle anderen sollten weg, nur Platz für sie sollte sein. Für sie, die sonst immer um ihren Platz kämpfen mussten. Die Leute gingen beiseite, stiegen aus, duckten sich weg. Sie wurden immer ausgelassener.

Der schwarzen Frau mit ihrem kleinen Kind traten sie in den Weg, bedrängten sie. Sie waren besser als sie, stärker, mächtiger. Das Kind fing an zu weinen. Plötzlich standen andere Frauen auf und stellten sich neben die schwarze Frau, wortlos. Es wurde stiller und stiller in der Bahn. Zuletzt kam eine alte Frau dazu. Sie hätte es nicht mehr zu sagen brauchen, doch sie tat es: „Ihr solltet Euch schämen!"

von Fanny Dethloff

 

 

 

Merkt ihr nicht, wie peinlich ihr seid?

Drei Jugendliche in der Straßenbahn, die sich lachend unterhalten: zwei Afrikaner, eine Deutsche. An der nächsten Haltestelle kommt eine Gruppe Skinheads herein. Sie fangen an, die Jugendlichen zu belästigen. Sie grölen ausländerfeindliche Parolen. Sie kommen bedrohlich nahe. Die anderen Fahrgäste haben Angst. Die meisten schauen angestrengt beiseite.

Wieder hält die Straßenbahn. Aber noch bevor die Türen aufgehen, stellt sich das deutsche Mädchen vor die Skinheads und beschimpft sie lauthals - im besten Berlinerisch. „Hört endlich uff mit dit Jegröle. Det is ja unerträglich. Merkt ihr nich, wie peinlich ihr seid?" Die Skinheads, völlig überrascht von der Attacke, ziehen die Köpfe ein, sehen die offenen Türen und springen nach draußen.

Hinterher fragt einer das Mädchen, wie sie bloß den Mut aufbringen konnte. „Dit war so", sagt sie, „ick musste nur warten, bis meine Wut jroß jenug war. Dann hab ick se einfach rausjelassen. Und dann warn ooch die passenden Worte da."

von Kirstin Faupel-Drevs

 

 

 

 

 

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