Frau Lindemann hat keine Bonsche
Freitags ist Seniorennachmittag im Gemeindehaus. Nach und nach kommen sie an, die älteren Damen und Herren, um hier ein paar nette Stunden unter Gleichgesinnten zu verbringen. Vor der Tür halten sich die vier kleinen Mädchen des Pastorats, zwischen fünf und acht Jahre alt, zur Verfügung. Nicht nur, um zuverlässig hilfreich Schirm und Handtasche vom jeweiligen Auto in den Gemeindesaal zu tragen. Vor allem, um Frau Lindemann zu erwarten. In ihrer Handtasche liegen zuverlässig vier kleine „Bonschetüten", die gerne in Empfang genommen werden. Immer freitags.
Endlich kommt Frau Lindemann an. Sie ist freundlich wie immer, klönt wie immer mit den Mädchen, die sie erwartungsvoll begrüßen. Kleine Witzchen, kleine Schnacks auf beiden Seiten. Frau Lindemann macht aber keine Anstalten, in die Tasche zu greifen. Keine Bonschetüten, diesen Freitag nicht. Sie dreht sich schließlich zur Tür um und sagt: „Na, dann werd ich mal reingehen." Hanna, in wenig verhohlener Empörung, sagt halblaut: „Dann geh doch, du Alte." Frau Lindemann ist zwar mit ihren beinah 90 Jahren etwas gebrechlich, aber sie hört noch ziemlich gut. Sie dreht sich zu Hanna um, blickt sie an. Die Mädchen stehen wie angenagelt. „Du hast recht," sagt sie ganz gelassen, „ich bin tatsächlich alt. Und jetzt geh ich rein."
erlebt von Gisela Mester-Römmer
|