MUT PROBEN 21-30

Frau Lindemann hat keine Bonsche

Freitags ist Seniorennachmittag im Gemeindehaus. Nach und nach kommen sie an, die älteren Damen und Herren, um hier ein paar nette Stunden unter Gleichgesinnten zu verbringen. Vor der Tür halten sich die vier kleinen Mädchen des Pastorats, zwischen fünf und acht Jahre alt, zur Verfügung. Nicht nur, um zuverlässig hilfreich Schirm und Handtasche vom jeweiligen Auto in den Gemeindesaal zu tragen. Vor allem, um Frau Lindemann zu erwarten. In ihrer Handtasche liegen zuverlässig vier kleine „Bonschetüten", die gerne in Empfang genommen werden. Immer freitags.

Endlich kommt Frau Lindemann an. Sie ist freundlich wie immer, klönt wie immer mit den Mädchen, die sie erwartungsvoll begrüßen. Kleine Witzchen, kleine Schnacks auf beiden Seiten. Frau Lindemann macht aber keine Anstalten, in die Tasche zu greifen. Keine Bonschetüten, diesen Freitag nicht. Sie dreht sich schließlich zur Tür um und sagt: „Na, dann werd ich mal reingehen." Hanna, in wenig verhohlener Empörung, sagt halblaut: „Dann geh doch, du Alte." Frau Lindemann ist zwar mit ihren beinah 90 Jahren etwas gebrechlich, aber sie hört noch ziemlich gut. Sie dreht sich zu Hanna um, blickt sie an. Die Mädchen stehen wie angenagelt. „Du hast recht," sagt sie ganz gelassen, „ich bin tatsächlich alt. Und jetzt geh ich rein."

 

erlebt von Gisela Mester-Römmer

 

Bügeln für den Frieden

Ich komme selig und erfüllt von einem Fest nach Hause. Es ist schon ziemlich spät, aber mein Mann ist noch wach. Er steht vor dem Fernseher und bügelt, auf dem Tisch türmt sich ein Berg gefalteter T-Shirts, im Korb ein Berg ungebügelter Hemden. Meinen freundlichen Gruß erwidert er nicht. Stattdessen knurrt er: „Na, hattest Du es schön? Weißt Du eigentlich, was hier los war? Die Kinder, Hausaufgaben, Chaos in der Wohnung, ich hab´s so satt." Im Reden wird er immer wütender, zieht den Stecker vom Bügeleisen und verschwindet auf dem Balkon. - Ich hatte mir den Abend eigentlich anders vorgestellt. Gemütlicher Ausklang bei einem Glas Wein. Daran ist jetzt überhaupt nicht mehr zu denken. An Reden sowieso nicht. Ich weiß jetzt auch nicht weiter. Schließlich versuche ich, Enttäuschung und Ärger beiseite zu schieben,  stöpsele das Bügeleisen wieder ein und fange an, die restlichen Hemden zu bügeln. Das braucht seine Zeit. Ich merke, wie ich langsam wieder ruhiger werde. Irgendwie kann ich ihn ja auch verstehen. Als der Korb leer ist, schau ich auf den Balkon. Auch bei ihm sind die dunklen Wolken inzwischen verraucht. „Entschuldige bitte, es war einfach ein anstrengender Tag für mich. Wollen wir nicht ein Glas Wein zusammen trinken?"

erlebt von Kirstin Faupel-Drevs und Franz-Josef Faupel


 

 

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