Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mit allem fertig werden soll.
Jeden Tag besucht die Krankenschwester eine 80-jährige Frau. An diesem Morgen fährt die alte Frau sie anstelle einer Begrüßung wütend an. „Warum kommen Sie denn schon jetzt?", fragt sie in scharfem Ton. Die Schwester antwortet verwundert, sie komme doch jeden Morgen um acht Uhr. „Nein, Sie waren noch nie so früh da! Ich habe ja noch nicht mal gefrühstückt!" „Aber Sie frühstücken doch immer erst, wenn ich nach dem Waschen wieder gehe!", sagt die Krankenschwester, die Ärger in sich aufsteigen spürt. „Nun reden Sie sich nicht heraus. Immer kommt jemand anderes und jeder, wann er will. Sie machen mich noch wahnsinnig! Und dann fehlen seit gestern 20 Euro. Ich will ja nichts gesagt haben, aber die waren morgens früh noch da!"
Die Krankenschwester will schon erwidern, sie lasse sich nicht als Diebin bezeichnen - da fällt ihr auf, dass die alte Frau zwei unterschiedliche Schuhe trägt und Mühe hat, ihren Bademantel anzuziehen. Sie atmet tief durch. Dann sagte sie: „Das ist bestimmt ein blödes Gefühl, wenn morgens alles anders ist, als Sie sich das vorstellen und wünschen, was?!" „Ja, genau!", antwortet die alte Frau. „Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mit allem fertig werden soll!"
Die Krankenschwester stellt fest, dass ihr eigener Ärger verschwunden ist. Er hat der Erkenntnis Platz gemacht, dass hinter den Vorwürfen der alten Frau eigentlich Angst steckt. Sie hat offensichtlich Angst vor ihrer eigenen Hilflosigkeit und vor jeder Veränderung, die ihr zeigt, dass sie nicht mehr alleine zurecht kommt.
Auch bei der alten Frau hat sich der Ärger verwandelt. In dem Moment, in dem die Krankenschwester ihr gezeigt hat, dass sie sie versteht, kann sie zugeben, dass sie Angst hat und Hilfe braucht.
erlebt von Viola Engels
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