MUT PROBEN 11-20

Farbenspiel

Wir schreiben das Jahr 1967. Ort des Geschehens: Pietermaritzburg im Apartheid-Staat Südafrika. An einer Ampel. Die Ampel ist für den Verkehr auf rot geschaltet und ein Bus hält. Vorne sitzen die Weißen, hinten die Schwarzen. So will es das Gesetz.

Eine schwarze Frau geht vorsichtig über die Straße. Auf dem Kopf balanciert sie in Zulu-Art einen Korb mit Orangen. Der Busfahrer - ein Weißer - will die Passagiere erheitern und hupt. Erschreckt zuckt die Frau zusammen und ihre Orangen rollen über die Straße. Alle - Weißen - amüsieren sich kräftig, als sie anfängt die Orangen zu sammeln.

Da tritt vom Bordstein ein alter Mann - ein Weißer - mit Gehstock auf die Straße, bückt sich und fängt an der Frau zu helfen, die Orangen in den Korb zu sammeln. Auch als die Ampel auf grün springt bleibt er in aller Ruhe vor dem Bus stehen und sorgt dafür, dass die Frau die Orangen alle wieder in ihren Korb sammeln kann. Er sagt kein Wort und geht, nachdem die Frau sicher die Straße überquert hat, ruhig seiner Wege.

Den Passagieren im Bus bleibt das Lachen im Hals stecken, sie tuscheln noch vereinzelt, aber dann wird es still, ganz still, bedrückend still und alle schämen sich. Auch als der Bus weiter fährt, spricht niemand.

erlebt von Gerhard Küsel

 

 

 

Hallo, was ist denn da los?

Es ist eine kalte Nacht im Spätherbst. Ich sitze in meinem Auto und blicke über die mondhelle Wiese, die bis zum Ufer des nahen Flusses reicht. Ich will gerade den Motor anlassen, als ich zwei Gestalten am Flussufer sehe. Ein Mann und eine Frau. Ich sehe sie nicht deutlich, nur so viel, wie der Mondschein zulässt. Sie stürzt nach hinten und er zerrt an ihrer Kleidung. Sie strampelt und windet sich. Mein Herz klopft so laut, dass ich es hören kann. Niemand sonst ist in der Nähe. Mein Auto stand ja auch etwas abgelegen. Und ich war eine der letzten, die die Disco verlassen hatte...

Was tut dieser Kerl da? Das kann doch nicht wahr sein! Ich reiße die Autotür auf: "Kann ich ihnen helfen?" schreie ich in die Halbdunkelheit. Stille. "Hallo! Was ist denn da los?" Stille. Dann höre ich eine Frauenstimme: "Ja, helfen Sie uns bitte!" Zumindest ist meine Angst damit verflogen.

Was mich dann dort auf dieser Wiese erwartet hat, bringt mich immer noch zum schmunzeln: Die junge Frau, leicht angetrunken, war bei dem Versuch, am Flussufer pinkeln zu gehen, wohl zu nahe an den Rand getreten, abgerutscht und in das eisige Wasser gefallen. Ihr Freund hatte sie herausgezogen und wollte ihr helfen, ihre nassen Sachen - speziell die nasse, hautenge Jeans - auszuziehen, damit sie nicht erfriert. Den beiden war das höllisch peinlich - mir aber auch. Ich hab eine Decke geholt und die beiden nach Hause gefahren.

Als sie ausgestiegen waren, musste ich erstmal durchatmen... und lauthals lachen... Alles wegen einer nassen Jeans. Vielleicht hätte ich aber auch jemanden vor Schlimmem bewahren können... Ich werde diese Nacht jedenfalls nicht vergessen...

erlebt von Béatrice Preiser

 

 

 

Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mit allem fertig werden soll.

Jeden Tag besucht die Krankenschwester eine 80-jährige Frau. An diesem Morgen fährt die alte Frau sie anstelle einer Begrüßung wütend an. „Warum kommen Sie denn schon jetzt?", fragt sie in scharfem Ton. Die Schwester antwortet verwundert, sie komme doch jeden Morgen um acht Uhr. „Nein, Sie waren noch nie so früh da! Ich habe ja noch nicht mal gefrühstückt!" „Aber Sie frühstücken doch immer erst, wenn ich nach dem Waschen wieder gehe!", sagt die Krankenschwester, die Ärger in sich aufsteigen spürt. „Nun reden Sie sich nicht heraus. Immer kommt jemand anderes und jeder, wann er will. Sie machen mich noch wahnsinnig! Und dann fehlen seit gestern 20 Euro. Ich will ja nichts gesagt haben, aber die waren morgens früh noch da!"

Die Krankenschwester will schon erwidern, sie lasse sich nicht als Diebin bezeichnen - da fällt ihr auf, dass die alte Frau zwei unterschiedliche Schuhe trägt und Mühe hat, ihren Bademantel anzuziehen. Sie atmet tief durch. Dann sagte sie: „Das ist bestimmt ein blödes Gefühl, wenn morgens alles anders ist, als Sie sich das vorstellen und wünschen, was?!" „Ja, genau!", antwortet die alte Frau. „Ich weiß überhaupt nicht, wie ich mit allem fertig werden soll!"

Die Krankenschwester stellt fest, dass ihr eigener Ärger verschwunden ist. Er hat der Erkenntnis Platz gemacht, dass hinter den Vorwürfen der alten Frau eigentlich Angst steckt. Sie hat offensichtlich Angst vor ihrer eigenen Hilflosigkeit und vor jeder Veränderung, die ihr zeigt, dass sie nicht mehr alleine zurecht kommt.

Auch bei der alten Frau hat sich der Ärger verwandelt. In dem Moment, in dem die Krankenschwester ihr gezeigt hat, dass sie sie versteht, kann sie zugeben, dass sie Angst hat und Hilfe braucht.

erlebt von Viola Engels

 

 

 

... bis eine alte Frau aufsteht und dazwischengeht

Am Strand von St. Peter-Ording: Ein Ehepaar mit drei kleinen Kindern liegt im Sand. Eines der Kinder muss pinkeln, die Mutter gräbt eine Grube in den Sand, das Kind pinkelt, die Mutter schüttet die Grube zu.

Daneben ein anderes Paar. Sie haben beobachtet, was geschehen ist und fangen an, die Familie als asoziales Volk zu beschimpfen und mit Sand zu bewerfen. Der Mann geht schließlich auf den Vater los: Sie sollten doch auf Klo gehen, das wäre unerhört ...

Die Mutter versucht, sich rauszuhalten, die drei Kinder sind ganz erschrocken. Aber dann bekommt auch die Mutter die Angriffe des Paares ab.

Die Umliegenden schauen weg.

Bis eine alte Frau aufsteht und dazwischengeht: „Was ist denn hier los, seid Ihr bescheuert?" Und die Kämpfenden trennt.

erlebt von Hanna Baasch und Jeanine Kahlweiß

 

 

 

Hingeschaut hat eine Frau, von der ich dachte, dass sie von uns Hilfe braucht

Meine Tochter (16 Jahre) litt häufig unter Nasenbluten. Es kam oft völlig überraschend und heftig, so auch an einem späten Abend, auf dem Weg nach Hause in der Hamburger U-Bahn. Und wieder einmal fehlten die Taschentücher. Verlegen und hilflos stieg sie an der nächsten Station aus, setzte sich auf die Erde, an eine Plakatwand gelehnt und bat die Vorübergehenden um Papiertaschentücher. Alle hasteten weiter, offenbar peinlich berührt: Wer weiß, was mit so einem jungen Menschen los ist, der auf der Erde hockt und auch noch eher schwarz angezogen ist? Drogen, Alkohol? Und dann noch Blut!

Der einzige Mensch, der stehen blieb und ihr half, war eine nicht mehr ganz junge schwarze Frau. Sie hat meine Tochter versorgt und umsorgt, bis das Nasenbluten aufhörte. Dann ist sie mit ihr zu einer nahe gelegenen Telefonzelle gegangen, damit meine Tochter mich anrufen konnte. Als ich zum Abholen kam und die beiden nebeneinander sah, wusste ich, dass ich diese Erfahrung nicht vergessen würde:

Geholfen, hingeschaut hat eine Frau, von der ich dachte, dass sie von uns in Deutschland Hilfe braucht. Zu kurz gedacht!

erlebt von Christa Möllers

 

 

 

Immer sind die Busfahrer an allem schuld


Der Bus kommt. Er fährt über den Bordstein, ein junger Mann muss zur Seite springen. Er sagt zum Fahrer: „Das ist aber knapp gewesen." Der Fahrer läuft rot an: „Halten Sie die Klappe."

Ich sage: „Ich fand die Situation auch gefährlich." Der Busfahrer fängt an zu schreien: „Ja, ja, immer sind die Busfahrer an allem schuld."

Ich horche auf und frage ihn: „Haben Sie heute schon viel Ärger abgekriegt?" Der Fahrer antwortet: „Scheiße, ja! Den ganzen Tag war Stau, der Bus kam zu spät, unsere Einsatzleitung macht uns Druck, und dann soll ich alle Situationen richtig einschätzen, Mensch! Ich kann ja verstehen, dass der junge Mann sich bedroht gefühlt hat, und es tut mir leid, aber das ist einfach eine beschissene Fahrt heute!"

In diesem Moment ändert sich etwas. Der junge Mann scheint die versteckte Entschuldigung zu hören. Er verzichtet auf eine weitere Beleidigung, murmelt „okay, okay" und geht nach hinten durch.

erlebt von Viola Engels

 

 

 

 

Die Mütze ist von Harry. Und jetzt sind wir quitt.


Ich war schon damals HSV-Fan und ging alle zwei Wochen ins Stadion. In voller Montur: mit Trikot, Mütze, Schal. Plötzlich war ich umzingelt von Rostocker Fans mit tätowierten Oberarmen. Einer kam auf mich zu und stieß mich an: „Scheiß HSV, ey." Er riss mir die Mütze vom Kopf und schubste mich wieder: „Scheiß HSV, ey." Ich hatte totalen Schiss und wünschte mir, dass der Erdboden aufginge. Schon schubste er mich zum dritten Mal: „Scheiß HSV, ey."

Ich nahm allen Mut beisammen und zeigte Gesicht: „Der HSV ist nicht Scheiße. Pass auf, du hast jetzt meine Mütze. Die Mütze ist von Harry. Die kannst du behalten als Andenken. Und jetzt sind wir quitt, okay?"

Ich dachte, jetzt krieg ich so richtig auf die Fresse. Aber wie durch ein Wunder öffnete sich der Ring. Die Rostocker nahmen meine Mütze mit und ließen mich am Leben.

erlebt von Harald Schroeter-Wittke

 

 

 

Und ich, soll ich auch hier weg?


Mist, 20 Minuten auf den Bus warten! Neben mir unterhalten sich zwei ältere Damen. Eigentlich will ich gar nicht hinhören, aber dann höre ich doch hin.

Sie lästern: „Meine Güte, in diesem Land sind einfach zu viele Ausländer! Die machen nur Arbeit und kosten unser Geld!"

So geht das eine Weile. Dann raffe ich mich auf, mit meinen elf Jahren, und gehe zu den Damen. „Hallo, ich habe ihr Gespräch gehört. Ich hab da eine andere Meinung! Ausländer sind auch Menschen, und sie sind nicht ohne Grund hier! Würden Sie mir ins Gesicht sagen, dass ich hier weg soll, weil ich eine Halbtürkin bin? Ich bin nämlich zur Hälfte türkisch, und mit dem Herzen bin ich es sowieso!"

Die beiden Damen schauen mich irritiert an. Eine der beiden meint, bei mir sei das ja was anderes. Sie sei schon in der Türkei gewesen, das wären sehr gastfreundliche Menschen. Ich frage sie: „Und was ist dann anders?"

Nach einem längeren Gespräch habe ich die eine Frau überzeugt. Die andere habe ich zur Weißglut gebracht. Als der Bus kommt, bin ich stolz auf mich. Die Überzeugte unterhält sich weiter mit mir. Die andere setzt sich mit versteinerter Miene weit weg von uns.

erlebt von Sinem Löbe

 

 

 

Was denkst du, was ich für einer bin?


Ich gehe lesend auf dem Bürgersteig entlang. Zwei Männer kommen mir entgegen, stark tätowiert, leichter Alkoholgeruch. Der eine spricht mich an: „He, was liest du da?" Ich schaue auf das Buch: „Das Familientrauma."

„Mensch, so was brauchst du nicht zu lesen, entweder du hast 'ne Familie, oder..." Ich sehe, wie er die linke Hand öffnet und die rechte Faust darauf zu bewegt, und unterbreche ihn: „...oder es gibt eins auf die Nase!?"

„Was denkst du, was ich für einer bin?", antwortet er heftig. Mir war im gleichen Moment durch den Kopf geschossen: Was denke ich da eigentlich? Ich schaue ihn voll an und sage: „Ja, was denk' ich eigentlich, was du für einer bist, das hab ich auch grad gedacht!" Da fängt er an zu reden, von seiner Familie, seinen Überzeugungen. Es wird ein längeres Gespräch, nicht alles sagt mir zu. Irgendwann will er weiter. „Mach's gut und lass das Buch", rät er mir. Seine Frage hängt mir noch nach: „Was denkst du, was ich für einer bin?"

 

erlebt von: Gundula Lemke

 

 

 

Draußen steht maßlos verblüfft der Breitschultrige


Erregtes Reden in der U-Bahn stört  mich auf. Zuerst sehe ich nur einen Mann: groß, blond, stämmig, Elbseglermütze über dem Vertrauen erweckenden Gesicht . Dann erst bemerke ich die kleine Frau, sichtbar Ausländerin. Sie hat ein Mädchen an der Hand und versucht, einen Kinderwagen durch die Tür zu bugsieren. Aber der große Blonde weicht keinen Zoll zur Seite.
„Bitte lassen Sie einsteigen!", ruft die Frau. Er steht da wie eine deutsche Eiche. Verzweifelt schiebt sie ihn schließlich mit dem Kinderwagen weg, während zwei junge Männer die Tür am Zuschnappen hindern. Nun öffnet sich der Mund unter den Blauaugen: „Sowat is wohl bei euch in Afghanistan üblich oder wo ihr herkommt - schert euch doch dahin zurück!"
Da geschieht es. „Unerhört!" ruft eine Frau, andere stimmen ein. An der nächsten Haltestelle  wird der markige Typ von der geballten Macht sanfter Frauenhände hinaus auf den Bahnsteig gedrängt. Der Zug fährt an, draußen steht mit maßlos verblüfftem Gesicht der Breitschultrige, und drinnen sagt die kleine Frau: „Aber er wollte doch weiterfahren ...!"

erlebt von: Helle  Wiese

 

 

 

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