MUT PROBEN Karten 2008

Er streckt die Hand aus. Ich bin völlig verdattert.


Es ist regnerisch, die Straßen schimmern nass und glatt. Ich muss mit dem Auto zu einem Termin und bin spät dran. Da passiert es: Eine Ampel springt auf Rot, ich bin gerade mit dem Spurwechsel beschäftigt, kann nicht mehr rechtzeitig bremsen und rutsche dem Auto vor mir auf die Stoßstange.

Nach dem ersten Schreck steige ich aus und mache mich auf großen Ärger gefasst. Der Autofahrer vor mir steigt auch aus, kommt auf mich zu und streckt seine Hand aus. „Guten Morgen erstmal", meint er, und wir geben uns die Hand.

Ich bin völlig verdattert. Mein Stresspegel sinkt schlagartig um die Hälfte. Wir können uns sehr freundlich über den Unfall austauschen und stellen erleichtert fest, dass nicht viel passiert ist. Als wir uns verabschieden, habe ich fast das Gefühl, einen netten Bekannten getroffen zu haben.

 

erlebt von Stephan Pohl-Patalong

Iss den Apfel fertig und halt die Klappe.


Ein verregneter Sonnabend vor dem Supermarkt. Eine Mutter kommt mit ihren Kindern aus dem Geschäft. Das kleinste quengelt, weil es einen Schokoriegel haben will. Die Mutter entgegnet unwirsch: „Iss den Apfel fertig und halt die Klappe!". Was für ein Umgangston, denke ich.

Weinen erfüllt den Parkplatz, das Kind wirft den Apfel weg. Die Mutter schreit, die Kinder laufen zum Auto, nur das kleinste steckt im Einkaufswagen fest. Die Mutter reißt den Apfel an sich und drückt ihn dem Kind in den Mund, fest und unnachgiebig, bis es rot anläuft. Das Kind weint weiter. Die Mutter holt aus und ...

„Nein, nein, das sollten Sie nicht tun." Die Mutter schaut erstaunt auf, dem Gegenüber mitten ins Gesicht und sinkt weinend in seine Arme. Der alte Mann steht da und verbreitet einen angenehm warmen Schein aus Friedlichkeit rund um diese skurrile Szene aus Verzweiflung, Angst und Trauer. Ein Funke Hoffnung an diesem Regensamstag vor dem Supermarkt.

 

erlebt von Rebecca Fink

Und Sie vergeuden Ihre Zeit mit unsinnigen Diskussionen?


Ich habe dreieinhalb Stunden Zugfahrt vor mir. Von der Kleinstadt in die Großstadt, die seit drei Monaten mein neues Zuhause ist: Hamburg, Perle Deutschlands. Aber nur halb so schön, wenn man den, den man liebt, schon wieder zwei Wochen lang nicht sehen wird. Entsprechend am Boden ist meine Laune.

Auf dem Bahnsteig höre ich, wie sich ein Mann und eine Frau lautstark streiten. Worum es genau geht, weiß ich gar nicht, als ich auf das Paar zugehe und meinen Frust ablasse: „Ich kenne Sie nicht, aber ich kann einfach nicht mit ansehen, wie sich zwei Menschen, die sich eigentlich lieben, dermaßen angiften. Ich führe eine Fernbeziehung, sehe meinen Freund nur alle zehn Tage, und Sie vergeuden Ihre Zeit mit unsinnigen Diskussionen? Seien Sie lieber froh, dass Sie sich haben!"

Mit diesen Worten steige ich, immer noch wütend, in den Zug. Auf dem Weg spüre ich die erstaunten Blicke der beiden in meinem Rücken. Und als ich aus dem Fenster schaue, sehe ich, wie der Mann den Koffer der Frau nimmt, den Arm um ihre Hüfte legt und die beiden gemeinsam zu ihrem Gleis gehen.

 

erlebt von: Sandra Dziekan

 

 

powered by <wdss>